Napoleon Bonaparte (1769 – 1821) veränderte das Gesicht Europas; Gemälde von Jacques-louis david, 1812 © National Gallery of art / wikicommons
15. September
8. Dezember 2019

Beginn: 11:00 Uhr  |  End: 18:00 Uhr
Eintritt frei

Auf den Spuren Napoleons: Meter, Maire und Code Civil. Französische Herrschaft am Rhein

15. September
8. Dezember 2019

Beginn: 11:00 Uhr  |  End: 18:00 Uhr
Eintritt frei

Als Napoleon Bonaparte 1804 seine Truppen am Niederrhein inspizierte, nahm er für einige Stunden im Leuther Pfarrhaus Quartier. In eine Fensterscheibe ritzte er mit seinem Brillantring das für ihn typische geschwungene „N“ seines Namens ein. Das Zeichen überstand die Zeiten, bis es 1952/53 der Putzwut der Haushälterin des damaligen Pastors zum Opfer fiel. Überliefert ist laut Viersens Stadtarchivar Marcus Ewers diese wahre Geschichte von dem Maler- und Glasermeister Hubert Krantzen, der damals die Scheibe ersetzte. Andere Spuren der Franzosenzeit haben bis heute überdauert.

Mit der Eroberung der linksrheinischen Gebiete durch französische Revolutionstruppen 1794 begann die zwanzig Jahre dauernde Herrschaft der Franzosen am Niederrhein. Und für die Menschen in der Region begann eine Zeit tiefgreifender Veränderungen. Von 1801 an gehörten die linksrheinischen Gebiete zum französischen Staat. Und nun waren die Bewohner in allen Lebensbereichen gezwungen, Neuland zu betreten: Plötzlich lebten sie nicht mehr im Kurfürstentum Köln oder im Herzogtum Jülich bzw. Geldern, sondern sie waren Bürger der Französischen Republik im Département de la Roer. Sie hatten keinen Bürgermeister mehr, sondern einen „Maire“. Sie erlebten die Einführung einer neuen Währung, einer neuen Amtssprache, eines neuen Verwaltungssystems. Die jahrhundertelang gewachsene Macht- und Rechtsordnung hatte keine Gültigkeit mehr. Die Ständeordnung wurde zur bürgerlichen Zivilgesellschaft, Adel und Klerus verloren ihre Privilegien und ein neues Gesetzbuch, der Code Civil, garantierte allen Bürgern die Gleichheit vor dem Gesetz.

Auch Dinge, die dem Leben wie selbstverständlich Struktur gaben, hatten nun keine Gültigkeit mehr: Das metrische System mit Meter und Kilogramm ersetzte offiziell die alten Maße wie Elle, Fuß, Malter oder Scheffel. Und für einige Jahre sollte sogar eine neue Zeitrechnung Einzug halten: der Französische Revolutionskalender, bei dem der Jahreswechsel auf den 22. September festgelegt wurde und der Monat nicht mehr vier Wochen mit sieben, sondern drei Dekaden mit zehn Tagen umfasste. Aber in dieser Zeit wurden auch entscheidende Weichen für die Zukunft gestellt: Unter den neuen Machthabern entwickelte sich in der agrarisch geprägten Region allmählich ein modernes Wirtschaftssystem und manche in dieser Zeit entstehende Branchen wie das Textilgewerbe.
Zu den wenigen noch vorhandenen baulichen Zeugnissen dieser „Franzosenzeit" gehören die Reste des Nordkanals - „Grand Canal du Nord" -, dessen Bau bereits 1797 angeregt worden war und der den Rhein mit der Maas und Antwerpen verbinden und den Handel von den holländischen Häfen abziehen sollte. Nach mehrjährigen Voruntersuchungen zur günstigsten Trassierung ordnete Napoleon den Bau nach seinem Besuch am Niederrhein 1804 an, vier Jahre später begannen die Arbeiten. Doch nachdem die Niederlande 1810 Bestandteil Frankreichs geworden waren, entfiel ein wesentlicher Grund für den Bau des Kanals: Er wurde schon 1811 eingestellt. Fertig wurden unter anderem mehrere Kanalwärterhäuser. Eines davon liegt, von den meisten unbeachtet, an der Krefelder Straße in Viersen – „einziger Rest und einzige sichtbare Erinnerungsmarke an ein großes Projekt mit ehrgeiziger Zielsetzung“, wie Stadtarchivar Marcus Evers in seiner Publikation „Die Franzosen in Viersen“ schreibt. Auch die Straßenbezeichnungen „Kanalstraße“ und „Am alten Nordkanal“ nehmen Bezug auf diese Zeit.

Die Ausstellung in der Villa Marx, die von Dr. Britta Spies kuratiert wird, nimmt vor allem die konkreten Auswirkungen der Franzosenzeit auf das Alltagsleben der Menschen in den Blick, für die ihre vertraute Heimat in vielen Bereichen plötzlich zum unbekannten Neuland geworden war. Und sie zeigt auf, wie viele Dinge auch nach dem Abzug der Franzosen 1814 weiterhin selbstverständlicher Teil des Lebens geblieben sind. Lesungen runden das Programm der Ausstellung ab: Reinhard Kaiser stellt am 3. November sein neues Buch „Rétif de la Bretonne: Pariser Nächte“ vor. Auf den Spuren des „fleißigen Vielschreibers und genialen Beobachters“ nimmt er seine Zuhörer mit auf Wanderungen durch Paris, die weit bis in die Nächte der Revolution reichen. Rita Mielke liest am 6. Oktober aus Briefen und Berichten von Constance de Salm und Germaine de Staël, die in ihrer Zeit das Deutschlandbild der Franzosen nachhaltig prägten. Während allerdings für Constance de Salm, beheimatet auf Schloss Dyck, Leben und Kultur am Niederrhein derb, einfältig und unerträglich erschienen, schwelgte Germaine de Staël in ihrer romantischen Vorstellung vom „Land der Dichter und Denker“.

„Viersener Salon“ des Vereins für Heimatpflege e.V. Viersen in der Villa Marx

Gerberstraße 20

41748 Viersen

Öffnungszeiten Ausstellung:
Donnerstag - Samstag: 15 - 18 Uhr
Sonntag und Feiertage: 11 - 18 Uhr

Montag - Mittwoch ist reserviert für den Besuch von Schulklassen und privaten Gruppen nach Vereinbarung. Anmeldung bei Ursula Klemm, Tel. 02162/17106, Email: ursula.klemm@gmx.de

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