Literaturherbst 2019 in Frankreich

Literaturherbst  in Frankreich: Werke, an denen Sie (möglicherweise) nicht vorbeikommen werden

524 neue Romanerscheinungen aus Frankreich und dem Ausland halten seit Ende August Einzug in die französischen Buchhandlungen. Auch wenn es noch ein wenig dauert, bis die Literaturpreise 2019 verliehen werden, so haben einige Werke schon jetzt auf sich aufmerksam gemacht:

Amazonia von Patrick Deville (Seuil) ist ein Epos rund um einen Fluss, ein immenses Naturschutzgebiet, das im Verlauf der Jahrhunderte immer wieder den Boden für absonderliche Triebe, für Plünderungen, aber auch für Hoffnungen und Träume bildete. Dem Leser begegnen Schriftsteller, Gelehrte und Abenteurer, die dank der ausgesprochen filigranen und nicht selten ironischen Feder des Autors eine besondere Präsenz bekommen.

Olivier Rolin, ein weiterer „Klassiker” der französischen Gegenwartsliteratur und ebenfalls ein leidenschaftlicher Reisender, hat mit Extérieur monde (Gallimard) eine weitschweifige Erzählung herausgebracht, mit der er den Leser auf eine schwindelerregende Reise durch Welten, Landschaften und mannigfaltige Schauplätze einlädt und Einblicke in Einzelschicksale wie in die großen Geschichtszusammenhänge gewährt.

Das Thema Geschichte findet sich auch bei Santiago H. Amigorena wieder, der in seinem autobiographischen Roman Le Ghetto intérieur (P.O.L) einem Kindheitstrauma auf die Spur geht, indem er das Leben seines Großvaters nachzeichnet und ergründet, was diesen nach Argentinien emigrierten polnischen Juden ins Schweigen trieb, als die in Polen zurückgebliebene Familie im Warschauer Ghetto verendete.

Afrika ist natürlich auch präsent. Insbesondere mit dem Roman Rouge Impératrice, mit dem Léonora Miano (Grasset) eine Liebesgeschichte und ein politisches Buch über Afrika geschrieben hat. Sie zeichnet die Zukunftsvision eines Kontinents mit umgekehrten Machtverhältnissen. Ein Afrika, das mit sich selbst im Reinen ist und sich zu einem immensen Raum des Wohlstandes entwickelt hat. Der Roman zeichnet sich nicht nur durch sprachliche Raffinesse aus, sondern zieht seine Inspiration nicht zuletzt auch aus der Serienwelt.  

Der Roman Éloge des bâtards von Olivia Rosenthal (Verticales) bezieht sich vielmehr auf die zeitgenössische Gesellschaft. Es ist die Geschichte von neun Menschen, die sich gegen den aufsteigenden Faschismus, den Überwachungsstaat und gegen ein Leben ohne Lebensraum auflehnen. Der Roman liest sich wie eine Studie über subversive Kräfte, über Menschen, die ihre Stimme erheben und über Kompromisse zwischen individuellen und kollektiven Interessen im Widerstand.

Schließlich ist zum Sommerende auch eine Reihe von Debütromanen erschienen. 77 (Actes Sud) von Marin Fouqué besticht durch seine Annäherung an das Thema Gewalt, die in einigen trostlosen Ecken der Region Ile-de-France um sich greift.

Dem jungen Autor, der außerdem boxt und Rap-Musik schreibt, ist mit 77 ein eindringliches Alltagsporträt von Menschen gelungen, die ein namenloses Dasein fristen.